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Nr. 144 Politik mit Kunst


Inhalt:

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Heft, S. 411

Paula Marie Hildebrandt:
Escamouflage oder ein Faultier Performative Bürgerschaft, künstlerisch erforscht, S. 414

Ksenia Robbe:
Erinnerung als Waffe der Dekolonisierung Kunst und Student*innen-Bewegung im heutigen Südafrika
, S. 432

Vanesa Coscia & Marina Moguillansky:
Militantes Kino und transnationaler Aktivismus in Dokumentationen über übernommene Fabriken in Argentinien, S. 455

Susanne Spindler:
(Post-)nationale Grenzen im städtischen Gefüge: Was wichtig wird und wichtig bleibt, wenn Migration und Nationalität entkoppelt sind, S. 481

ESSAY
Pavel Eichin:
Como aprendí a ser chileno - Wie ich lernte, Chilene zu sein, S. 504

PERIPHERIE-Stichwort
Anja Steidinger & Olaf Berg:
Künstlerische Intervention (Interventionskunst/kreativer Aktivismus), S. 522

REZENSIONEN, S. 527
Zahia Rahmani, Jean-Yves Sarazin (Hg.): Made in Algeria. Généalogie d'un territoire (Lotte Arndt)
Sammelrezension zu: Sammy Baloji: Hunting & Collecting
Larissa Förster & Holger Stoecker: Haut, Haar und Knochen. Koloniale Spurensuche in naturkundlichen Sammlungen der Universität Jena (Reinhart Kößler)
Ingo Schneider & Martin Sexl (Hg.): Das Unbehagen an der Kultur (Gerhard Hauck)
Franziska Baumbach: Die Natur des Menschen und die (Un)Möglichkeit von Kapitalismuskritik. Menschenbilder als Ideologie (Gerhard Hauck)
Hans-Jürgen Burchardt & Stefan Peters (Hg.): Der Staat in globaler Perspektive. Zur Renaissance der Entwicklungsstaaten (Malte Lühmann)
Michael von Hauff & Thuan Nguyen (Hg.): Nachhaltige Wirtschaftspolitik (Wolfgang Hein)

Eingegangene Bücher, S. 542
Summaries, S. 544
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 546
Jahresregister, S. 547
Gute Buchläden, in denen die Peripherie zu haben ist, S. 552




Zu diesem Heft

Die Begegnung, das Zusammenspiel, die Vermischung von künstlerischer Aktion und sozialer Bewegung ist kein neues Phänomen: von Künstler*innen bzw. Bild- und Graphikexpert*innen gestaltete Transparente, Flugblätter, Plakate und Wandbilder geben politischen Inhalten eine ästhetische Form. Gleiches gilt auch für engagiertes Liedgut, Prosa, Lyrik, Graffiti, Film und Fotografie. Performative Konzepte wie das Theater der Unterdrückten stellen temporäre Aktionsräume im öffentlichen Raum her, die auf Missstände hinweisen und in denen mit alternativen Handlungsweisen experimentiert wird. Auf ähnliche Weise intervenieren Aktivist*innen der Kommunikationsguerilla, um Zonen zu produzieren, in denen Unsichtbares sichtbar wird.
Den Hoffnungen, durch künstlerische Interventionen politischen Handlungsraum zu öffnen und damit auf eine Veränderung der Kräfteverhältnisse hinzuwirken, steht eine Reihe von Fallstricken gegenüber. Diese zeigen sich exemplarisch in der Fähigkeit der Institutionen, (künstlerischen) Widerstand und deren Protagonist*innen zu integrieren. Institutionen zeigen grundsätzlich ein Interesse an künstlerischen Interventionen als rebellischen, avantgardistischen Impulsen und nehmen dabei die Repräsentation von Minderheiten gerne als Supplement mit, solange dies alles auf der Darstellungsebene verbleibt, ohne strukturelle Veränderung zu bewirken. Ein Kunstdiskurs, der auf Wissensproduktion, Research, post- und dekolonialen Gender- und Queer- etc. Konzepten aufbaut, wird so zur Ressource der Erneuerung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse.
Mit dem vorliegenden Heft wollen wir die Bedingungen, unter denen künstlerischer und politischer Aktivismus ineinandergreifen oder gar ununterscheidbar werden, untersuchen und die daraus entstehenden Möglichkeiten und Probleme für emanzipatorische Praxis erörtern. Das besondere Augenmerk liegt dabei auf der spezifischen Situation in Regionen der Peripherie und auf der weltweiten Vernetzung und Mobilität von Menschen, Ideen und Konzepten. Wir freuen uns, für diesen Heftschwerpunkt Artikel von Autorinnen aus Südafrika und Argentinien gewonnen zu haben, die anhand konkreter Beispiele das Spannungsfeld veranschaulichen, in dem sich künstlerischer Aktivismus bewegt. Andere Beträge zeigen, wie sich dieses Spannungsfeld im Globalen Norden darstellt, wenn Menschen aus dem Globalen Süden hier leben.
Paula Marie Hildebrandt geht den Fragen nach, was Bürgerschaft performativ ausmacht und wie Idee und Praxis künstlerischer Forschung den Begriff von Bürgerschaft verändert. Am Beispiel ihres Forschungsprojekts Welcome City zeigt sie, dass Bürgerschaft als eine spezifische Form der (Selbst-)Präsentation stets um Verhältnisse von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Affirmation und Verweigerung kreist. Vor diesem Hintergrund eröffnet ein performatives Verständnis von Bürgerschaft die Möglichkeit, aktuelle Fragen von Flucht und Vertreibung, Migration und Integration, Bürgerrechten und Bürgerpflichten kritisch zu reflektieren.
Hingegen widmet sich Ksenia Robbe künstlerischen Interventionen im Kontext einer spezifischen Protestbewegung: Sie untersucht die Rolle von Poesie in den „Fees-Must-Fall“-Studierendenprotesten 2015 in Südafrika. In den Texten, so ihre These, werde die Erinnerung an die Zeit der Apartheid und Verfolgung des Widerstands im Untergrund aufgerufen, um nach 20 Jahren Post-Apartheid, in denen sich nur wenig an den sozialen Unterschieden entlang rassistischer Grenzen und der Verteilung des Reichtums im Land getan hat, einzufordern, dass nun endlich die Ziele verwirklicht werden müssen, für die gekämpft und gelitten wurde.
Die Verbindung von Dokumentarfilm und politischem Aktivismus steht im Mittelpunkt des Beitrags von Vanesa Coscia und Marina Moguillansky. Die Autorinnen nehmen dabei besonders das Verhältnis von lokalen Akteur*innen und internationalen Filmschaffenden in den Blick. Anhand einer vergleichenden, kulturwissenschaftlichen Analyse dreier Dokumentarfilme über die besetzte Fabrik Zanón in Argentinien arbeiten sie heraus, wie die Beteiligung transnationaler Akteure an der Filmproduktion im Film sichtbar wird. Sie zeigen auf, dass der Versuch der Filme, die Situation in Argentinien als beispielhaft für die Politiken des Neoliberalismus und für das Vorgehen der Belegschaft von Zanón als Modell für erfolgreiche Gegenwehr zu interpretieren, eine Tendenz zur Vereinfachung mit sich bringt, bei dem die historische und lokale Besonderheit des Falls verloren geht.
Ergänzt werden die drei Artikel durch einen Essay, in dem Pavel Eichin verschiedene Textgenres mit dem Ziel kombiniert, die Bedeutung der Musik für die chilenische Exilgemeinde in Frankfurt a.M. herauszustellen. Ausgehend von persönlichen Erfahrungen und Liedanalysen zeigt der Autor die identitätsstiftende Rolle der Figur des Exils, vermittelt über die Nueva Canción Chilena, auf. Insbesondere für die zweite im Exil aufgewachsene Generation ergebe sich ein Identitätskonflikt in dem Moment, an dem "Chilenisch-Sein" an die Überwindung des Exils geknüpft werde, gehe doch damit eine Negation der eigenen Lebenserfahrung im Exil einher.
Alle für den Heftschwerpunkt ausgewählten Beiträge betrachten das Spannungsfeld von Kunst und Politik anhand konkreter, die Peripherie betreffender Beispiele. Der empirische Fokus des Schwerpunktes wird durch das PERIPHERIE-Stichwort „uuml;nstlerische Intervention“ ergänzt, in dem Olaf Berg und Anja Steidinger in die existierenden Debatten zum emanzipatorischen Potenzial von künstlerischer Intervention einführen. Sie zeigen die Spannbreite der künstlerischen Positionen auf, die von am Kunstmarkt orientierter Interventionskunst bis zu in sozialen Bewegungen verankertem, kreativem Aktivismus reicht.
Außerhalb des Heftschwerpunkts greift Susanne Spindler das in PERIPHERIE Nr. 141 behandelte Konfliktfeld Stadt auf. Sie untersucht, warum in Buenos Aires trotz eines gesetzlich verankerten Menschenrechts auf (Im-)Migration sozial-räumliche Grenzziehungen entlang nationaler und ethnischer Zugehörigkeiten bedeutend sind und welche Rolle dabei die villas genannten, informellen Siedlungen im städtischen Raum spielen.
Für die folgenden Jahrgänge bereiten wir Schwerpunkthefte zu den Themen „Rassismus“, „Konzepte gewaltfreier Selbstverteidigung“, „Macht und Prognose“ sowie „Anspruch und Wirklichkeit ziviler Konfliktbearbeitung und Friedensförderung“ vor. Auch das Thema „künstlerischer Aktivismus“ wird uns weiter beschäftigen. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge sehr willkommen. Sobald sie veröffentlicht werden, finden sich die entsprechenden Calls for Papers auf unserer Homepage.
Zum Abschluss des aktuellen Jahrgangs möchten wir uns wieder herzlich bei den Gutachter*innen bedanken, die einmal mehr durch ihre gründliche, engagierte und kritische Arbeit zum Gelingen der Hefte maßgeblich beigetragen haben. Ihre Namen sind in alphabetischer Reihenfolge im Jahresregister aufgeführt. Ferner gilt unser Dank Sarah Becklake, die als englische Muttersprachlerin die Summaries korrigiert hat. Schließlich bedanken wir uns bei allen Leser*innen, Abonnent*innen sowie bei den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V., der Herausgeberin der PERIPHERIE. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Wir freuen uns daher über neue Vereinsmitglieder ebenso wie über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser*innen, im Impressum. Wir wünschen Ihnen und Euch eine anregende Lektüre und einen guten Start ins Jahr 2017.