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Nr. 141 Konfliktfeld Stadt


Inhalt:

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Heft, S. 3

Iconoclasistas, S. 7

Erhard Berner:
"Zur Wohnungsfrage" im 21. Jahrhundert: Marktversagen, hilflose Politik und die globale Ausbreitung von Slums, S. 10

Paul Schweizer, Paula Larruscahim & Fabio Vieira:
Pixação - Differenz, Säuberungspolitiken und Widerstand in "Global City" São Paulo, S. 33

Julia Haß:
Frauenamateurfußball in Rio de Janeiro - Umkämpfter Sport- und Stadtraum, S. 57


Frank Müller & Markus-Michael Müller:
Im- und Export von Aufstandsbekämpfung: Von Rio de Janeiro nach Port-au-Prince und zurück, S. 74

Gregor Dobler:
Umkämpfter Freiraum: Die Erfindung des Städtischen im Norden Namibias, 1950-1980, S. 94

PERIPHERIE-Stichwort
Anne Vogelpohl:
Recht auf Stadt, S. 115

Anne Huffschmid:
Recht auf Urbanität, S. 118

REZENSIONEN, S. 123
Jürgen Oßenbrügge & Anne Vogelpohl (Hg.): Theorien in der Raum- und Stadtforschung. Einführungen (Anne Hennings);
Susan Parnell & Sophie Oldield (Hg.): The Routledge Handbook on Cities of the Global South (Frank Ingo Müller);
Ulrike Freitag, Nelida Fuccaro, Claudia Ghrawi & Nora Lafi (Hg.): Urban Violence in the Middle East. Changing Cityscapes in the Transition from Empire to Nation State (Hanna Baumann);
Anne Huffschmid: Risse im Raum. Erinnerung, Gewalt und städtisches Leben in Lateinamerika (Laura Kemmer);
Corinna Hölzl: Protestbewegung und Stadtpolitik. Urbane Konflikte in Santiago de Chile und Buenos Aires (Sarah Uhlmann);
Eva Youkhana & Larissa Förster (Hg.): Grafficity - Visual Practices and Contestations in Urban Space (Paul Schweizer);
Adam Branch & Zachariah Mampilly: African Uprising. Popular Protest and Political Change (Bettina Engels);
Zivilgesellschaft in der Türkei:
Ömer Çaha: Women and Civil Society in Turkey. Women's Movements in a Muslim Society, Anıl al-Rebholz: Das Ringen um die Zivilgesellschaft in der Türkei. Intellektuelle Diskurse, oppositionelle Gruppen und Soziale Bewegungen seit 1980 (Corinna Trogisch)

Eingegangene Bücher, S. 142
Summaries, S. 143
Zu den Autorinnen und Autoren, S. 145




Zu diesem Heft

Städte sind weltweit umkämpft. Konflikte um Wohnraum, Infrastruktur, Überwachung, Stadtteilaufwertung, um ethnische Diversität, Zugang zu öffentlichen Gütern: Forderungen nach dem "Recht auf Stadt" sind im Globalen Norden und Süden allgegenwärtig. "Stadt" ist in diesen Konflikten nicht nur Gegenstand, sondern auch eine materielle und symbolische Bühne.
Städte werden zunehmend zu Kristallisationspunkten sozialen Wandels und zum Experimentierfeld innovativer politischer, sozialer, ökologischer und kultureller Projekte. Dabei bestehen vielfältige Verflechtungen zwischen den Entwicklungen in städtischen Räumen an unterschiedlichen Orten. Zum Teil sind es dieselben Akteur*innen (etwa Großinvestor*innen, Immobilienfirmen und Sicherheitsunternehmen), welche die Prozesse städtischer Veränderungen an unterschiedlichen Orten vorantreiben. Lokale Regierungen übernehmen andernorts erprobte Konzepte der Repression, Überwachung und der (De-)Regulierung. Diese Veränderungen des Städtischen rufen vielfältige Widerstände hervor: von alltagspraktischen Ausweichbewegungen, Anpassungen und Regelüberschreitungen über die Selbstorganisation und Selbsthilfe bis zu politischem Protest und Straßenkampf.
Städtische Konflikte werden zwar auf der Straße und auf Plätzen ausgetragen. Zugleich aber, so betont das Stichwort von Anne Vogelpohl, kann die Forderung nach Gestaltungsmacht der Stadt selbst zum Gegenstand von Konflikten werden. In der Forderung nach dem Recht auf Stadt drücken sich zum einen der Wunsch und die Möglichkeit aus, gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse zu benennen und zu politisieren. Zum anderen eröffnet dieser vielzitierte Slogan der politischen Praxis auch einen transnationalen Diskursraum, der Metropolen und ihre sozialen Bewegungen weltweit verbindet. In Auseinandersetzungen um das Recht auf Stadt spiegeln sich nicht nur Fragen städtischer Entwicklung, sondern vielfach breitere politische und soziale Konflikte wider, in denen sich eine Vielzahl von Bewegungen und Kämpfen (Umwelt- und geschlechterpolitische Bewegungen, Kämpfe von Erwerbslosen und Migrant*innen, Kämpfe gegen Repression, Austeritätspolitik und um Demokratie) verschränken. Je nach räumlicher Skala eröffnen diese Konflikte unterschiedliche Perspektiven. So kann sich eine Anwohner*innenbewegung für einen Gemeinschaftsgarten auf einer brachliegenden Fläche einsetzen, um die eigene Lebensqualität zu erhöhen. Zugleich macht ein solcher Konflikt um die Gestaltung der Stadt die Machtstrukturen sichtbar, die der Regierungsweise unserer Städte zugrunde liegen. Denn er zeigt die Alternativen zu Grundstücksprivatisierung und Immobilieninvestition, zu top-down-Entscheidungen und entmündigendem Expert*innentum. Konflikte um Stadt bieten also ein großes gesellschaftliches Lernpotenzial.
Was macht das Städtische aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Stichwort von Anne Huffschmid. Im Unterschied zur Stadt als lokalisierbaren Ort versteht sie Urbanität als analytische Kategorie. Diese erlaubt es, die soziale Dynamik und Konflikthaftigkeit städtischen Alltags- und Zusammenlebens zu erfassen. Zugleich hebt Huffschmid hervor, die Perspektive auf und aus der Erfahrung lateinamerikanische(r) Urbanität und ihre(r) Theorieproduktion könne die europäische Stadtforschung und die häufig unhinterfragte Annahme der (bürgerlichen) Stadt als öffentlich und frei zugängliche Arena als eurozentrischen normativen Diskurs entlarven. Damit regt sie dazu an, die historische Verflochtenheit von Stadtentwicklung und die koloniale Bedingtheit der Metropolen im Globalen Süden wie Norden in der Analyse städtischer Konflikte zu berücksichtigen.
Konflikte werden offen gewaltsam oder mittels alltäglicher Strategien und kreativer Protestformen ausgetragen. Das Spektrum urbaner Konflikte reicht von Kriegen und Bürgerkriegen über Aufstände bis zu sozialen und alltäglichen Kämpfen. Entsprechend heterogen sind die Konflikte, die im vorliegenden Heft vorgestellt und diskutiert werden.
Ein düsteres Bild urbaner Ungleichheit zeichnet Erhard Berner am Beispiel des Versagens des formellen Wohnungsmarkts zur Inklusion armer Bevölkerungsgruppen. Die Urbanisierung der Metropolen des Globalen Südens hat insbesondere seit den 1950er Jahren stark sozialräumlich segregierende und dichotome Entwicklungen gezeigt. Das schnelle Stadtwachstum, hervorgerufen durch Land-Stadt-Migration und Industrialisierung, hat das Entstehen von selbstgebauten, oftmals nicht in offiziellen Urbanisierungsplänen verzeichneten Siedlungen begünstigt. Vorschläge zur Teilkonsolidierung oder Räumung "informeller" Stadtteile sowie zur Einschränkung ihres Wachstums waren und sind zahlreich. Dennoch bleibt der Zugang zum formalen Wohnungsmarkt den ärmeren Teilen der Bevölkerung aus systembedingten, strukturellen Gründen verwehrt. Erst eine redistributive Politik jenseits von Repression, Zwangsräumung oder auch Vernachlässigung der marginalisierten Stadtteile durch die Regierung könne die wachsende urbane Ungleichheit erfolgreich bekämpfen.
Vor ein paar Jahren besetzten Protestierende im "Arabischen Frühling" Plätze in nordafrikanischen Städten, und die occupy-Bewegung nahm mit Zelten, Transparenten und Diskussionskreisen die Plätze einiger, vorwiegend europäischer und US-amerikanischer Städte ein. Sichtbar und hörbar machten sie durch die Herstellung eines Ausnahmezustands auf die ständig wachsenden, sozialökonomischen Ungleichheiten aufmerksam. Aneignung des Stadtzentrums und kreativer Protest sind in vielen Städten aber auch routinierte widerständige Alltagspraxis. Ein Beispiel für solchen Protest gegen Aufwertung und Verdrängung ist das "Bekritzeln" -- portugiesisch: pixacão -- von Hauswänden. Mittels einer eigenen Symbolik und Sprache eignen sich Gruppen von Stadtbewohner*innen die Wände von oft leer stehenden Hochhäusern im Stadtzentrum der "global city" São Paulo an, wie Paul Schweizer und Paula Larruscahim mit Text und Bildern zeigen.
Die Arbeiten von Henri Lefebvre haben die Stadtforschung der letzten 40 Jahre geprägt. In seinen raumtheoretischen Überlegungen stellt er Verbindungen zwischen der gebauten Stadt und dem Alltagsleben dar. Gesellschaftliche Phänomene im Allgemeinen sowie Klassengegensätze und soziale Kämpfe um Repräsentation und Sichtbarkeit im Besonderen sind mit seinem Werk Die urbane Revolution (1970) Gegenstand räumlicher Untersuchung geworden. Seine Überlegungen waren maßgeblich am spatial turn der Sozialwissenschaften beteiligt, haben zugleich die Forschungen vieler Humangeograph*innen beeinflusst und Untersuchungen zur räumlichen Reproduktion von Geschlechterverhältnissen inspiriert. Auch und gerade durch Alltagspraktiken, etwa Freizeitaktivitäten, können exkludierende soziale Strukturen reproduziert und verfestigt oder bekämpft und überwunden werden. Das zeigt Julia Haß am Beispiel des Amateurfrauenfußballs in Rio de Janeiro. Strukturelle Ungleichheiten und Raumnutzung sind hier eng verwoben: Die körperliche Präsenz von Frauen auf den öffentlichen Fußballfeldern der Stadt hat die stark männlich besetzte Institution Fußball geöffnet und zu einer Praktik gegen Exklusion und Diskriminierung werden lassen.
Städte nehmen auch in bewaffneten Konflikten eine große Rolle ein. Forschungen in diesem Bereich betonen die wachsende Bedeutung von Städten für transnationale Sicherheitsgovernance. Insbesondere slums oder favelas werden als Quellen der Gewalt stigmatisiert. Wie sich in einer auf Dauer angelegten Besetzung solcher Stadtteile durch Polizei und Militär geopolitische Interessen und militärische Kompetenzen verschränken, zeigen Frank Müller und Markus-Michael Müller. Sie widmen sich der Weiterentwicklung von Pazifizierungspraktiken, die seit sieben Jahren in einigen marginalisierten Stadtvierteln Rio de Janeiros erprobt werden. Damit liefern sie einen Beitrag zur Analyse der lange vernachlässigten Rolle von Staaten des Globalen Südens sowie der Militarisierung des Urbanen in der globalen Aufstandsbekämpfung.
In der Diskussion darüber, was Urbanität eigentlich ausmacht, haben die Überlegungen des Soziologen Georg Simmel zum Großstadtleben erheblichen Einfluss gehabt. Wichtiger als städtische Architektur, industrielle Produktion und Massentransport sind ihm in der Bestimmung der Urbanität die Möglichkeit zur Anonymität, die Möglichkeit, sich unerkannt im öffentlichen Raum zu bewegen, und damit die individuelle Möglichkeit, sich in den Begegnungen mit dem Fremden "neu" zu erfinden. Diesem Grundgedanken folgend arbeitet Gregor Dobler die Urbanisierung im Norden Namibias auf. Die Simmel'sche Betonung auf Begegnung macht es möglich, Urbanität auch dort zu lokalisieren, wo materielle städtische Infrastrukturen und Architekturen kaum existieren. Dobler erkennt sie dort, wo Menschen politische und soziale Formen entwickeln, mit denen sie ihr Recht auf die Stadt ausdrücken und leben. Urbanität entsteht, wenn individuelle und kollektive Selbstbestimmung zur Alltagspraktik werden.
Eine Auswahl von Piktogrammen der Iconoclasistas illustriert die vorliegende Ausgabe. Das Duo Pablo Ares und Julia Risler aus Buenos Aires arbeitet zu Repression und Widerstand im urbanen Raum in Lateinamerika und Europa. Bei ihren öffentlichen Workshops entwerfen die Teilnehmer*innen Piktogramme und Stadtkarten, die ihre Alltagserfahrungen abbilden und strukturelle Zusammenhänge sichtbar machen.
Mit dieser ersten Ausgabe des 36. Jahrgangs gehen wichtige Neuerungen einher: Die PERIPHERIE erscheint jetzt im Verlag Barbara Budrich. Damit können einzelne Artikel online erworben werden. Zudem gibt es die Möglichkeit eines Online-Abonnements. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Verlag und darüber, unseren Leser*innen dieses zusätzliche Angebot unterbreiten zu können. Für den Sommer ist eine Ausgabe zu "Gewerkschaften in Arbeit" (Nr. 142/143) geplant. Im Herbst wird die PERIPHERIE "Künstlerischen und politischen Aktivismus" in den Blick nehmen. Für die erste Ausgabe des 37. Jahrgangs ist eine Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex der zivilen Konfliktbearbeitung, der Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für den Frieden und ihrer Rolle als Zivilmacht vorgesehen. Zu diesen und anderen Themen sind Beiträge wie immer sehr willkommen. Die entsprechenden Calls for Papers finden sich auf unserer Homepage, sobald sie veröffentlicht werden.
Für unsere weitgehend ehrenamtliche Arbeit sind wir auch weiterhin auf die Beiträge der Mitglieder der WVEE, der Herausgeberin der PERIPHERIE, und auf Spenden angewiesen. Wir freuen uns daher über neue Vereinsmitglieder ebenso wie über einmalige Spenden. Unsere Bankverbindung finden Sie, liebe Leser*innen, im Impressum.